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Hamam, das türkische Dampfbad

Das türkische Dampfbad oder Hamam erfreut sich in Europa dank des Wellness-Booms seit einiger Zeit größter Beliebtheit und gilt als Ort der umfassenden Reinigung von Körper und Geist zugleich. Als etwas Mystisches und Geheimnisvolles verbinden viele Menschen in Europa den Hamam mit totaler Entspannung und orientalischer Sinnlichkeit. Die Tradition des türkischen Hamams reicht mehrere Jahrtausende zurück, denn die Kultur des ausgiebigen öffentlichen Badens fand ihren Ursprung nicht im Osmanischen Reich, sondern wurde eigentlich von den Römern erfunden und im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen der muslimisch geprägten Länder ständig weiterentwickelt. Im traditionellen türkischen Dampfbad wird der Aufenthalt der Gäste durch einen festgelegten Ablauf von Ritualen bestimmt, der neben zahlreichen Wassergüssen auch ein tiefenreinigendes Körperpeeling und die berühmte Schaummassage beinhaltet. Besucher eines Hamams können im Zuge ihres Aufenthaltes die Seele baumeln lassen und verlassen die stimmungsvoll gestalteten Räumlichkeiten einer solchen Wohlfühloase anschließend mit dem Gefühl von geistiger Ausgeglichenheit und einem verjüngten Aussehen.

Der Ursprung des Hamams im römischen Reich

Schon vom antiken Geschichtsschreiber Herodot existieren Aufzeichnungen über die im sechsten Jahrhundert vor Christus in Griechenland weit verbreiteten und beliebten Dampfbäder, die als Vorläufer des Hamams die Kultur der gemeinsamen Körperreinigung zelebrierten. Die Griechen übernahmen diese Einrichtungen vermutlich von den früheren Hochkulturen, denn schon im dritten Jahrhundert vor Christus existierten Schwitzbäder bei den Ptolemäern im inneren Asien und später bei den Römern. Als direkter Vorläufer des Hamams waren diese Thermalbäder den Menschen aller Bevölkerungsschichten zugänglich und bestanden aus unterschiedlich gestalteten Heißräumen, wo Seifen, verschiedene Öle und Badetücher zur Verfügung standen. Neben ausgiebigen Waschungen, Ganzkörperenthaarungen und Massagen konnten die Besucher sich dort auch dem gesellschaftlichen Leben widmen, denn diese Dampfbäder waren wie später der Hamam wichtige Treffpunkte. Die Blütezeit der Badekultur in Europa ging mit dem Niedergang des römischen Reiches allerdings vorläufig zu Ende.

Eine islamisch geprägte Tradition

Erst einige Jahrhunderte später entstanden in Syrien die ersten orientalischen Dampfbäder nach dem Vorbild der römischen und griechischen Badehäuser. Mit dem Beginn des Islams wurden unter dem Begriff „Hamamm“, was aus dem Arabischen übersetzt „warmes Wasser“, „warmes Bad“ oder schlichtweg „Wärme“ oder „wärmen“ bedeutet, erste öffentlich zugängliche Bäder eingerichtet, die in erster Linie den rituellen Waschungen vor dem Beiwohnen religiöser Zeremonien dienten. Da im Islam nur fließendes Wasser für die körperliche Pflege benutzt werden durfte, waren die arabischen Badehäuser im Vergleich zu den römischen Vorläufern deutlich hygienischer. Diese religiös motivierte Badekultur fand ihren Ursprung um das Jahr 700 nach Christus, wobei die ersten Beispiele orientalischer Badeanstalten ausschließlich in den Palästen der Kalifen zu finden waren, bevor Badehäuser auch als öffentliche Treffpunkte für Menschen aller Gesellschaftsschichten eröffnet wurden. Die Badekultur verbreitete sich von Syrien aus innerhalb kürzester Zeit in allen muslimisch geprägten Gebieten. Im frühen elften Jahrhundert hatte sich der Hamam unter der Herrschaft der Osmanen als Vermischung von römischer, byzantinischer und türkischer Badekultur in Anatolien ausgebreitet, war dort jedoch zunächst nur der herrschenden Oberschicht vorbehalten. So nutzten die Sultane beispielsweise das sogenannte Audienzbad dazu, politische und wirtschaftliche Angelegenheiten in entspannter Atmosphäre zu diskutieren. In Anatolien wurden bald viele öffentliche Bäder errichtet, um den Menschen die Gelegenheit zu bieten, gemäß des strengen islamischen Reinlichkeitsgebotes ihren Körper vor dem Besuch der Moschee ausgiebig zu waschen und auf die religiöse Zeremonie vorzubereiten. Noch heute finden sich in Anatolien die ältesten und schönsten orientalischen Badehäuser überhaupt.
Durch die enge Verbindung zwischen Badekultur und Religion befanden sich im Osmanischen Reich nahezu alle öffentlichen Hamams in unmittelbarer Nähe oder Nachbarschaft zu einer Moschee. Deshalb wurden auch die architektonischen Elemente der Gebäude, in denen die Dampfbäder untergebracht waren, bewusst religiös und in Anlehnung an die Struktur der Moscheen gestaltet. Die Waschungen vor dem Gebet fanden in meist mit Kuppeldächern versehenen Gebäuden statt, die mit blickdichten Seitenfenstern versehen wurden. Durch die Kuppel, die mit ihren sternförmigen Öffnungen den Himmel symbolisieren sollte, wurde das Dampfbad von sanftem Tageslicht erhellt und verströmte eine besinnliche Atmosphäre.

Ort des gesellschaftlichen Lebens

Anders als bei den Griechen standen in der orientalischen Kultur, und so auch bei den muslimischen Reinigungsritualen nicht die Ertüchtigung, sondern körperliche und geistige Entspannung und Wohlbefinden im Vordergrund. Nicht nur vor dem Moscheebesuch begaben sich die Menschen in den Hamam, um Körper und Seele zu reinigen, auch vor anderen religiösen Zusammenkünften und wichtigen gesellschaftlichen Anlässen wie etwa Beschneidungen oder Hochzeiten, diente der Hamam als wichtiger Ort der gemeinsamen Vorbereitung.

Im Laufe der Zeit wurde das türkische Dampfbad nicht mehr ausschließlich wegen religiöser Zwecke frequentiert, sondern gewann als gesellschaftlicher Treffpunkt immer mehr an Bedeutung. Vor allem Frauen fanden in den öffentlichen Badehäusern neben ihrem Zuhause einen Ort, an dem sie sich mit anderen Frauen austauschen und sich gemeinsam entspannen konnten. Viele ältere Frauen nutzten die Räumlichkeiten, um nach passenden Bräuten für ihre Söhne Ausschau zu halten. Die Männer hingegen frequentierten den Hamam vorrangig deshalb, um sich mit anderen Männern über Politik zu unterhalten, Kontakte zu knüpfen und Geschäfte zu verhandeln. Dadurch rückte der Haman allmählich von seiner engen Verbindung mit der Religion weg und wurde ein im alltäglichen Leben zentraler Ort , um sich in entspanntem Rahmen auszuruhen, sich der umfassenden kosmetischen Pflege zu widmen und gemeinsam den Luxus von erwärmtem Wasser zu genießen.

Hamam

Hamam ©iStockphoto/master2

Die festen Rituale im Hamam

Im traditionellen türkischen Dampfbad wurde streng und genauestens darauf geachtet, dass sowohl Frauen als auch Männer ungestört unter sich sein konnten und sich bei den Waschungen nicht gegenseitig störten. Daher wurden die meisten öffentlichen Bäder so angelegt, dass es für beide Geschlechter getrennte Räumlichkeiten gab. Wo dies nicht möglich war, wurden zumindest getrennte Besuchszeiten eingeführt.
Noch heute verfügen viele traditionelle Hamams über getrennte Bereiche für Frauen und Männer. Der Besuch eines Hamams beinhaltet immer den gleichen Ablauf von Ritualen, die sich im Laufe der Jahrhunderte kaum geändert haben. Die Badegäste betreten, in ein Baumwollleinentuch gehüllt, das im Türkischen Pestemal genannt wird, vom Umkleideraum oder Camekan aus zunächst den zentralen Raum des Hamams, eine körperwarm beheizte und mit Tageslicht erhellte Halle, die von der Kuppel mit dem himmlischen Sternenbild überdacht ist. Schon hier treten dem Besucher die orientalischen Düfte der verwendeten Seifen und Öle entgegen und hüllen die Seele in sinnliche Wärme. Nur mit klarem, heißem und kaltem Wasser, das aus den seitlich in Nischen angebrachten Hähnen läuft, und einer naturbelassenen Olivenseife reinigen sich die Badegäste von allem Schweiß und Körperschmutz, bevor sie vom Tellak, dem speziell ausgebildeten Bademeister in das Dampfbad oder Hararet geführt werden, wo die eigentliche Wellness-Behandlung beginnt. Die weiblichen Gäste werden von der Badefrau, der sogenannten Natir betreut. Der dampfende Heißraum ist mit 38- 45° C angenehm temperiert und dient der porentiefen Reinigung der Haut und totalen Entspannung der Muskulatur. Nach einem etwa fünfzehn Minuten dauernden Aufenthalt reinigt man die Haut abermals, indem man lauwarm temperiertes Wasser über den Körper laufen lässt und sich dabei gründlich einseift. Auf dieses Ritual folgt ein zweiter Gang in den Heißraum, wo sich in der Mitte auf einem Podest die erwärmte Marmorplatte, der sogenannte Nabelstein oder Göbektasi befindet. Auf dieser angenehm beheizten Steinplatte beginnt der Tellak mit seiner Behandlung. Mit einem aus Seiden- oder Kokosfasern sowie Ziegenhaar gefertigten Spezialbürste führt er ein gründliches Körperpeeling durch, das den Stoffwechsel anregt, die abgestorbenen Hautzellen abträgt und das Bindegewebe durchblutet. Auf dieses Peeling folgen mehrere rituelle Waschungen und die vom Bademeister durchgeführte, spektakuläre Schaummassage. Dafür taucht der Tellak einen Leinensack in duftende Kernseife, bläst ihn auf und beginnt anschließend, ihn über dem Badegast auszudrücken, der dadurch von großen Schaumflocken bedeckt wird. Anschließend erfolgt die eigentliche Schaummassage, die zwanzig Minuten dauert und die Haut gründlich reinigt. Jeder Tellak verfügt dabei über seine eigenen Techniken und Massagegriffe. Nach dieser Behandlung wird der Besucher, dessen Haut nun rosig und seidig zart erscheint, wieder in den zentralen Raum gebeten, wo er seinen Aufenthalt bei einer Tasse türkischem Chai gemütlich ausklingen lässt und die sinnliche Atmosphäre genießt, die das durch die Sternenkuppel dringende sanfte Tageslicht verströmt. Um den durch das Schwitzen bedingten Flüssigkeitsverlust auszugleichen, wird in traditionellen Hamams auch gerne ein Ayran, das in der Türkei beliebte gesalzene Joghurtgetränk serviert.

Der Siegeszug des Hamams in Europa

Im westlichen Europa kamen öffentlich zugängliche Dampfbäder erst im 13. Jahrhundert wieder in Mode, als die Kultur des ausgiebigen Badens von den Kreuzrittern in deren Heimatländer gebracht wurde. Allerdings fand diese in Europa schon nach wenigen Jahrhunderten ein jähes Ende, da einerseits die Kirche das sinnliche Vergnügen des öffentlichen gemeinsamen Badens verurteilte, andererseits die Pest wütete, wodurch diese Einrichtungen als gefährliche Bakterienherde geschlossen werden mussten. Erst das im späten 19. Jahrhundert aufkommende Interesse an der orientalischen Lebenskultur und Kunst brachte auch wieder den Hamam nach Europa, während er im arabischen Raum allmählich seine Bedeutung verlor. Die religiösen Aspekte des Dampfbades rückten immer mehr in den Hintergrund, da rituelle Waschungen nicht mehr als notwendig empfunden wurden. Da sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr Menschen eigene Badezimmer leisten konnten, geriet der Hamam über die nächsten Jahrzehnte in Vergessenheit, denn die alltägliche Körperpflege fand nun hauptsächlich in privatem Rahmen statt. In Europa hingegen wurde der Hamam als sinnliches Badeerlebnis aus dem Orient immer beliebter. Vor allem die Wellness-Kultur der letzten Jahrzehnte brachte einen regelrechten Boom des türkischen Dampfbades auf deutschem Boden. Viele luxuriöse Hotels und Erholungszentren verfügen heute über einen dem Wellnessbereich neben Sauna und Infrarotkabine angeschlossenen Hamam, wobei nur wenige den traditionellen türkischen Dampfbädern nachempfunden sind. Die wenigen Häuser in Europa, die der traditionellen Badekultur gleichkommen, werden meist von Türken geführt. Im Gegensatz zu den orientalischen Vorbildern sind die Hamams in Deutschland vor allem als Orte der Ruhe und Entspannung gedacht, während die Badegäste in der Türkei durch das ausgiebige Getratsche für eine lebendige Geräuschkulisse sorgen. Wer diese authentische Atmosphäre genießen möchte, sollte im Zuge eines Aufenthaltes in der Türkei einen richtigen Hamam besuchen. Die dortigen alten Schwitzbäder begeistern nicht nur durch die prachtvolle Architektur, sondern auch durch ursprüngliche Techniken wie das Heizen der Räumlichkeiten mit Holz, das der Bademeister selbst hackt. Allerdings werden Besucher aus dem Ausland hier nur wenige Türken antreffen, denn diese suchen das traditionelle Badehaus immer seltener auf. Während der Hamam in Europa einen regelrechten Boom erlebt, bevorzugen die Menschen, die in den türkischen Großstädten leben, heute paradoxerweise einen Trend, der aus Europa kommt, nämlich die finnische Sauna.