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Temazcal

Das Temazcal wird im mittelamerikanischen Raum schon seit Jahrhunderten als Dampfbad verwendet und diente damals zur Bekämpfung von Krankheiten und zur rituellen Reinigung von Körper und Geist. Vor etwa 10 Jahren wurde das uralte Konzept des mittelamerikanischen Schwitzhauses wieder entdeckt und erobert nun zunehmend die Wellness- und Spa-Tempel der modernen Welt. Stand bei den Mayas und Azteken damals noch die Heilung von Erkrankten im Vordergrund, verwöhnt das Temazcal heute auch gesunde Menschen mit wohltuender Wärme und reinigendem Dampf.

Herkunft und Geschichte des Temazcals

Archäologischen Funden zufolge war das Temazcal schon bei den frühen Völkern Lateinamerikas in Verwendung. Bereits die Mayas und Azteken praktizierten das Schwitzen in diesen kleinen Hütten, in erster Linie um gesund zu werden. Der Wellness-Faktor war damals noch nicht so ausgeprägt wie heute. Auch seinen Namen hat das Temazcal von den Azteken. Wörtlich aus dem Nahuatl, der Sprach der Azteken, übersetzt bedeutet „Temazcal“ „Badehaus“, aus den Worten „temas“ für „Bad“ und „calli“ für „Haus“. Allerdings waren seine Namensgeber nicht die Erfinder des Temazcals, denn die Verwendung dieser Badehäuser geht bis auf das Volk der Purépecha zurück, das bereits vor der Einwanderung der Azteken in Mittelamerika ansässig war. Bereist in ihrer ehemaligen Hauptstadt Tzintzuntzan, die Experten zufolge im Jahr 1325 von den Purépecha verlassen wurde, wurden bei Ausgrabungen acht Umrisse entdeckt, die als Temazcals klassifiziert wurden. Auch in der berühmten Ruinenstadt Chichén Itzá in Mexiko wurden Strukturen ans Tageslicht gebracht, die auf eine Verwendung als Schwitzbad hindeuten. Berichten spanischer Eroberer zufolge war die Nutzung des Temazcal im mittelamerikanischen Raum weit verbreitet und im 17. Jahrhundert anscheinend in jeder noch so kleinen Siedlung vertreten.

Aufbau und Aussehen eines Temazcals

Ein Temazcal erinnert in seiner Form ein wenig an das klassische Iglu, das man von Polarregionen kennt, oder einen überdimensionalen Pizza-Ofen. Die frühen Temazcals bestanden zum Großteil aus gebrannten Lehmziegeln, die in kreisrunder Form angeordnet waren und sich zu einer Kuppel auftürmten. Der Boden ist in der Mitte etwas erhöht und flacht zu den Wänden hin ab. Die Schwitzbäder sind mit einem Durchmesser von knapp 3 Metern relativ klein und auch nur etwa 2 Meter hoch, sodass ein durchschnittlich großer Mensch gerade noch angenehm darin stehen kann. Weniger angenehm war hingegen das Betreten der Temazcals, denn der Eingang war eng und niedrig, damit die Hitze nicht zu schnell entweichen konnte. Früher betraten die Menschen die Temazcals wohl auf Händen und Knien kriechend und auch in den meisten Varianten der heutigen Zeit muss zumindest noch der Oberkörper gebeugt werden. Die meisten Temazcals, vor allem jene in kleinen Dörfern, waren gerade einmal groß genug für eine oder zwei Personen, in den größten Schwitzhäusern fanden maximal zehn Menschen Platz. Über dem Eingang war an den meisten Temazcals ein Bild der Göttin Teteo-Innan angebracht. Als „Mutter der Bäder“ war sie nicht nur bei den Mayas und Azteken, sondern auch bei den Mixteken und Zapoteken bekannt und wachte während des Dampfbades über die Schwitzenden.

Traditionelle Funktionsweise eines Temazcals

Das Temazcal wird mit Hilfe einer aus Stein oder Lehmziegeln gemauerten Feuerstelle an der hinteren Wand gegenüber dem Eingang aufgeheizt. Die Feuerstelle war immer nach Osten, in die Richtung des Sonnenaufgangs, ausgerichtet. Über der Feuerstelle befindet sich eine Mauer aus porösem Stein, auf denen weitere Steine aus Lava oder Granit gelegt werden können, die ebenso wie die Mauer durch das Feuer stark erhitzt werden. Wenn die Feuerstelle glühend heiß ist, betritt der Kranke das Temazcal, verschließt die beiden Öffnungen und gießt Wasser über die heißen Steine, wodurch sich augenblicklich eine dichte Dampfwolke entwickelt. Ähnlich wie in einer modernen Sauna steigt nach diesem Aufguss durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit die gefühlte Temperatur im Inneren des Temazcals noch einmal gehörig an.

Anschließend legt sich der Patient auf eine Matte in der Mitte des Temazcals und bedeckt die betroffene bzw. schmerzende Körperstelle (z.B. Rücken bei Rückenschmerzen, Nase bei Schnupfen, Brust und Hals bei Husten, etc.) mit Heilkräutern. In manchen Fällen ist auch noch ein Heiler oder eine Heilerin mit dem Patienten im Temezcal, die die heiße Luft direkt an die schmerzende Stelle fächeln.

Temazcal

Temazcal ©iStockphoto/AnastasiyaShanhina

Nach etwa 10 bis 15 Minuten im reinigenden Dampf verlässt der Patient das Temazcal wieder und begibt sich zur Abkühlung in kaltes Wasser. Dies kann entweder ein nahegelegener Bach, Teich oder See sein, oder eine künstliche Wasserstelle. Besonders kranken Menschen war dieser rasche Temperatursturz des Öfteren zu viel und sie erlitten einen Kreislaufkollaps, den einige sogar nicht überlebten. Aufzeichnungen zufolge konnten jedoch Rückenschmerzen oder Probleme mit dem Ischias-Nerv durch die Behandlung im Temazcal erfolgreich gelindert werden. Auch vor und nach einer Geburt wurden die entspannenden Dämpfe im Temazcal von den schwangeren Frauen bzw. jungen Müttern als äußerst positiv empfunden.

In der heutigen Zeit weiß man selbstverständlich über die richtige Temperatur, Luftfeuchtigkeit und die anschließende Abkühlung Bescheid und das Verweilen in einem Temezcal wird als angenehm und entspannend empfunden. Durch die heiße, feuchte Luft werden die Atemwege befeuchtet und gereinigt, durch die Hitze werden Muskelverspannungen gelöst und die Durchblutung gefördert und durch das Anschließende Abkühlen in kaltem Wasser die körpereigenen Abwehrkräfte gestärkt.

Spirituelle Verwendung des Temazcals durch die mittelamerikanischen Ureinwohner

Die dampfende Zeremonie im Inneren eines Temazcals hatte zwar in erster Linie die Heilung von Krankheiten zum Ziel, wurde jedoch auch als reinigendes, läuterndes Ritual verwendet. Körper und Geist von Dämonen, Schmerzen, quälenden Gefühlen und negativen Gedanken zu befreien, versucht der Mensch bereits seit Tausenden von Jahren. Das Temazcal war eine der Möglichkeiten zur geistigen, spirituellen und mentalen Befreiung. Der mit Heilkräutern versetzte Dampf sorgte sowohl für die Entgiftung des Körpers als auch für die Reinigung der Seele. Außerdem war der Mensch im Inneren des Temazcals auf kleinstem Raum mit den vier Elementen Erde, Feuer, Luft und Wasser konfrontiert, die den Körper stärkten und die innere Balance wieder herstellten. Die Azteken verglichen den erdigen, warmen Bau gar mit dem Bauch von Mutter Erde, in dem sie an den Ort ihrer Geburt zurück gelangen und sich somit selbst finden konnten. Ging man nach dem Ritual aus ihm hervor, hatte man sich einer inneren Reinigung unterzogen und fühlte sich im wahrsten Sinne des Wortes wie neugeboren.

Neben der medizinischen und spirituellen Reinigung spielte ein Besuch des Temazcals auch in Zusammenhang mit wichtigen Lebensabschnitten oder bedeutenden Momenten eine Rolle. Schwangere Frauen bereiteten sich in den Schwitzbädern auf die Geburt vor, Krieger suchten die wohlige Entspannung vor einer bevorstehenden Schlacht und selbst Priester nutzten das Temazcal, wenn große Ereignisse bevorstanden.

Am höchsten Punkt der Kuppel des Temazcals befindet sich eine Öffnung, aus der nach der Behandlung die heiße Luft und der Dampf entweichen konnten. Nach dem Glauben der Einheimischen konnten somit auch alle Ängste, Sorgen, Krankheiten und bösen Geister entschwinden und sich in Nichts auflösen.

Verbot von Temazcals durch die Spanier

Die nahezu tägliche Nutzung der Temazcals durch die Einheimischen Mittelamerikas stieß bei den Spaniern auf große Skepsis. Als Hexenzauber, seltsame heidnische Riten und scheinbare Dämonenaustreibung lehnten die konservativen, katholischen Spanier diese Tradition strikt ab. Noch dazu wurden die Temazcals von beiden Geschlechtern gleichzeitig benutzt, was die Spanier an Orgien denken ließ, die ihren moralischen Vorstellungen völlig zuwider liefen. Nicht einmal der Umstand, das in die meisten Temazcals lediglich eine Person Platz hatte, konnte diesen Verdacht zerstreuen.

Zu Anfang erlaubten die Spanier noch die Nutzung zur Heilung von Kranker, ersetzten jedoch das Abbild der Badegöttin Teteo-Innan über dem Eingang durch ein Bildnis der Mutter Gottes, um hier ja keine heidnischen Rituale zu unterstützen. Doch bald wurde die Benutzung von Temazcals generell unter Strafandrohung verboten und viele Schwitzbäder fielen der Zerstörungswut der spanischen Eroberer zum Opfer. Aus diesem Grund wurden trotz der damaligen hohen Verbreitung dieses Brauchs von den Archäologen keine intakten Temazcals mehr gefunden. Von den Schwitzhäusern, die von den Forschern als solche interpretiert wurden, sind in den meisten Fällen lediglich die Grundmauern übrig geblieben.

Wellness im 21. Jahrhundert mit uralten mexikanischen Ritualen

Heutzutage funktionieren die Temazcals noch ganz ähnlich wie vor vierhundert Jahren im prä-spanischen Lateinamerika. Zur Heilung diverser Krankheiten und Beschwerden werden noch immer Dampf und verschiedene Kräuter und Duftstoffe eingesetzt. In den modernen Schwitzbädern regeln so genannte „Temazcaleros“, die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Liegeposition des Patienten, versorgen den Kranken mit Heilkräutern und fächeln die heiße Luft zu, um die schmerzenden Körperstellen gezielt zu erhitzen. Früher wurde das Amt der Temazcaleros, das heute meist von Frauen besetzt wird, von sowohl männlichen als auch weiblichen Schamanen übernommen, die, während der Patient im Temazcal schwitzte, noch die Trommel schlugen oder rituelle Gesänge anstimmten.

In der modernen Welt von Spa und Wellness werden die Temazcals in den meisten Fällen weder zur Heilung noch zur spirituellen Reinigung, sondern schlicht und einfach zu Zwecken der Entspannung eingesetzt. Die modernen Temazcals sind meist auch nach den heutigen Spa-Standards eingerichtet. Sie gleichen nicht mehr kleinen, engen, dunklen, Spelunken, sondern sind großzügig konzipiert und verfügen über bequeme Bänke, die um eine gemütliche Feuerstelle in der Mitte angeordnet sind. Die Temazcals verfügen nicht nur über eine größere Grundfläche, sondern sind auch höher und mit verschieden hohen Plätzen ausgestattet. So kann man auch innerhalb der Schwitzhütte zwischen mehreren Temperaturstufen wählen. Je weiter oben man sich platziert, desto größer ist die Hitze, bzw. je aufrechter man sitzt, desto heißer wird der Kopf und damit der gesamte Körper. In den früheren Versionen der Temazcals, wo die Patienten lediglich auf Matten auf dem Boden lagen, wurde an diese moderaten Temperaturschwankungen noch nicht gedacht.

Meist ist auch eine Möglichkeit zur direkten Abkühlung nach dem Schwitzen gleich neben dem Temazcal gegeben. Ähnlich den Kneipp-Bädern in vielen modernen Saunalandschaften kann man hier meist zwischen der sanften Abkühlung, bei der man lediglich durch knietiefes Wasser watet, und der Hardcore-Variante wählen, bei der man kopfüber in ein eiskaltes Becken springt. Letztere Methode ist allerdings wirklich nur Menschen mit starkem Kreislauf zu empfehlen, denn auch hunderte Jahre später ist man vor einem Kollaps durch zu schnelle Abkühlung nicht gefeit. Um den Kreislauf zu schonen, sollte das kalte Wasser immer von außen an das Herz heran geführt werden.

In seiner medizinischen Funktion als Methode zur Unterstützung der Heilung oder zur Linderung von Schmerzen hat es das Temazcal bis jetzt noch nicht über die Grenzen Lateinamerikas geschafft. Wer den Besuch eines „echten“ Temazcals einmal erleben möchte, kann zum Beispiel den mexikanischen Bundesstaat Morales besuchen. Hier wird die uralte Tradition der Temazcals nach wie vor praktiziert. In Temixco, Cuernavaca, Xochitepec oder Tlayacapan im Umkreis von Mexiko Stadt wurden die traditionellen Temazcals für Touristen aufbereitet, die sich ebenfalls im geschützten Bauch von Mutter Erde wieder selbst finden können.